Den Schildkröten auf der Spur – Nächte voller Sinn
Vier Stunden durch die Nacht, nur das Licht der Taschenlampe, das Rauschen des Meeres und der weiche, unebene Sand unter den Füßen. Ohne den erfahrenen Guide wäre ich vermutlich mehr als einmal gestolpert. Immer wieder blieben wir stehen, wenn sich im Dunkel eine riesige Meeresschildkröte aus dem Wasser schob – schwerfällig, kraftvoll, zielgerichtet.
Wenn sie ihre Eier im Sand abgelegt hatte und zurück ins Meer gekrochen war, sammelten wir sie behutsam ein, legten sie in Eimer und deckten sie mit weißen Tüchern ab. Kein großes Ritual, kein Pathos – eher eine stille Routine. Geduld, Genauigkeit, Respekt. Viel mehr war es nicht. Und doch genug.
Ich hatte mir diese Arbeit anders vorgestellt. Sinnlicher vielleicht. Bewegender. Stattdessen war sie nüchtern, körperlich anstrengend und oft einfach nur still. Niemand sprach viel. Man tat, was zu tun war.
Tagsüber zeigte sich das Camp von einer ganz anderen Seite. Hängematten im Schatten, das Meer nur wenige Schritte entfernt, Bücher, barfuße Wege durch den Sand. Von außen betrachtet hätte man sagen können: Idylle. La Pura Vida.
Und doch lag eine gewisse Spannung in der Luft. Die Atmosphäre war zurückhaltend, fast distanziert. Die Menschen hier wirkten müde. Beschäftigt. Weniger offen, als ich es erwartet hatte. Der Camp-Leiter pragmatisch, sachlich, weit entfernt vom Bild des idealistischen Naturschützers.
Zwischen Hängematten und Meeresrauschen – Tage im Einklang
Erst nach und nach verstand ich: Dieses Projekt lebte nicht von Begeisterung, sondern von Durchhalten. Von Strukturen. Von Organisation. Von wirtschaftlichen Entscheidungen, die nötig waren, damit es überhaupt existieren konnte.
Die Schildkröten selbst schienen all das nicht zu berühren. Sie folgten einem inneren Kompass, den wir Menschen kaum begreifen. Nach Jahren im offenen Meer kehrten sie genau an diesen Strand zurück, um ihre Eier abzulegen – orientiert an Gerüchen, Strömungen, vielleicht an etwas, das älter ist als jede menschliche Idee von Sinn.
Irgendwann, zwischen Müdigkeit, Beobachtung und stillen Nächten, veränderte sich mein Blick. Nicht alles musste sich gut anfühlen, um sinnvoll zu sein. Nicht jede Erfahrung war warm oder leicht. Manches war einfach richtig, gerade weil es uns nicht bestätigt, sondern herausfordert.
Vielleicht war das mein eigentliches La Pura Vida:
nicht die Hängematte, nicht das Meer, sondern das Aushalten von Wirklichkeit –
und das leise Begreifen, dass Sinn oft erst dann entsteht, wenn man aufhört, ihn zu erwarten.
💭
Gedanke zum Mitnehmen
Nach einer langen, fordernden Nacht am Strand fühlte sich der Tag in der Hängematte wie pures Glück an – nicht trotz, sondern wegen der Anstrengung.
Erst im Kontrast bekommen Dinge ihre Bedeutung: Ruhe braucht Müdigkeit, Leichtigkeit braucht Schwere, Freude braucht Erfahrung.



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