Wenn der Körper plötzlich nicht mehr mitmacht
Ich war allein unterwegs in Mittelamerika, auf dem Weg von Honduras nach Mexiko. Nach Wochen des Reisens begann mein Körper plötzlich zu streiken. Ich fühlte mich schwach, jede Bewegung kostete Kraft, mein Kopf dröhnte, mein Körper schmerzte. Die Rezeptionistin meines kleinen Hotels sah mich nur kurz an und sagte ruhig, aber bestimmt, ich solle dringend einen Arzt aufsuchen. Ein Taxi brachte mich in ein staatliches Krankenhaus von Tegucigalpa.
Dort verlor ich für eine Weile den Glauben an die Menschlichkeit.
Ein riesiger Raum, vollgestellt mit Betten, dicht an dicht. Keine Decken, keine Vorhänge, keine Privatsphäre. Es war kalt, es roch unangenehm, die sanitären Anlagen waren kaum benutzbar. Ich lag dort, ohne zu wissen, was mit mir geschah – allein, krank, erschöpft und ohne die Möglichkeit, jemanden zu kontaktieren.
Der Arzt erklärte mir schließlich, dass ich Dengue-Fieber hatte.
Die Erinnerung an die Bay Islands
Als ich über die vergangenen Tage nachdachte, wusste ich sofort, wann es passiert war: auf den Bay Islands,
einem paradiesischen Ort vor der Küste von Honduras. Wir hatten draußen geschlafen, unter freiem Himmel, in einfachen Betten, nur durch dünne Moskitonetze geschützt, die dort fest installiert waren.
Es war eine dieser Nächte, die sich ins Gedächtnis brennen: das Rauschen der Wellen, der salzige Geruch der Luft, dieses Gefühl grenzenloser Freiheit. Eine Nacht für fünf Dollar – und doch unbezahlbar schön.
Ich erinnere mich aber auch an diese eine Mücke, die in meinem Netz surrte. Damals schob ich sie beiseite, schenkte ihr keine weitere Beachtung. Heute weiß ich, dass sie mein Leben für eine Zeit komplett aus dem Gleichgewicht bringen sollte.
Allein in der Fremde
Ich war damals 24 Jahre alt. Es war meine erste große Reise nach dem Studium, drei Monate Backpacking mit meiner besten Freundin. Kurz zuvor hatten wir uns getrennt, weil ich weiter nach Mexiko wollte. Und so war ich nun allein – und dieses Alleinsein traf mich in diesem Krankenhaus mit voller Wucht.
Es gab keine Handys, kein WLAN, keine sozialen Medien. Ich konnte meine Eltern nicht erreichen. Es gab keine Telefonzelle, kein öffentliches Telefon. Ich bat eine Mitpatientin, eine E-Mail an meine Eltern zu schreiben – sie tat es nie.
Ich wusste nicht, ob meine Familie ahnte, wie schlecht es mir ging. Diese Ungewissheit war fast schlimmer als die Krankheit selbst.
Der Zusammenbruch und die Wende
Als man mich schließlich entließ, hieß es nur, man könne nichts weiter für mich tun. Draußen auf der Straße wurde mir schwarz vor Augen, ich brach zusammen, kam aber irgendwie wieder zu mir. Mit letzter Kraft hielt ich ein Taxi an und ließ mich zurück in mein Hotel bringen.
Dort erkannte man sofort den Ernst der Lage. Die Mitarbeiter waren besorgt und rieten mir dringend, in eine Privatklinik zu gehen. Und so fand ich mich wenig später in einem sauberen, hellen Zimmer wieder – mit Pflege, Medikamenten und Infusionen. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte ich mich sicher. Mein Körper war geschwollen, mein Gesicht aufgebläht, aber langsam kehrten meine Kräfte zurück.
Meine beste Freundin, mit der ich zuvor gereist war, kam mich besuchen. Als ich sie sah, wusste ich: Ich bin nicht allein.
Was bleibt
Fünf Tage später konnte ich das Krankenhaus wieder verlassen. Die Schmerzen ließen nach, die Angst wich, und an ihre Stelle trat tiefe Dankbarkeit. Ich hatte überlebt – und verstanden, dass nichts im Leben selbstverständlich ist.

💭
Gedanke zum Mitnehmen
Man reist oft, um die Welt zu entdecken.
Manchmal zwingt einen das Leben dazu, sich selbst neu kennenzulernen.
Nicht unter perfekten Bedingungen.
Sondern genau dann, wenn man am verletzlichsten ist.



Schreibe einen Kommentar