La bise – mein französisches Küsschen-Chaos

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Zwischen Nähe und Verwirrung

Meine ersten Begegnungen mit la bise liegen viele Jahre zurück – und doch erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.
Drei Küsschen, dachte ich zunächst – rechts, links, rechts – und war stolz, die Regel verstanden zu haben.

Doch schon bald kam der nächste Schreck: Manche gaben zwei, andere drei, und ich stand da, leicht verwirrt, unsicher, ob ich zu früh aufgehört oder zu spät weitergemacht hatte.
Mit der Zeit merkte ich, dass selbst eine geografische Einordnung nicht wirklich half: In der Normandie zwei, an der Atlantikküste wieder anders, in Paris oft ganz situationsabhängig – la bise ließ sich einfach nicht in Karten oder feste Regeln pressen.

Ich habe sie an vielen Orten erlebt – in Caen in der Normandie, beim Schüleraustausch in Châteauvillain, an der Atlantikküste in Saint-Nazaire und Nantes, später auch in Amiens und Paris.
Überall war sie anders, und gerade das war die größte Überraschung:
Selbst dort, wo man glaubt, es gäbe feste Regeln, sind sie längst fließend geworden.
Zwei Küsschen hier, drei dort, manchmal gar keine – la bise folgt keinem System, sondern der Stimmung des Moments.

Distanz im Geschäftsleben

In Paris erlebte ich schließlich die andere Seite – die der beruflichen Zurückhaltung.
Bei meinen Dolmetscheinsätzen in einer Kanzlei begann jede Begegnung mit einem formellen Handschlag.
Doch mit der Zeit, als Vertrauen wuchs, wich die Distanz der Nähe – und plötzlich gab es Küsschen.
Da verstand ich: Auch im Geschäftsleben zeigt la bise, wie Beziehungen sich entwickeln.
Sie ist kein starres Ritual, sondern Ausdruck von Vertrautheit.

Lektion in Balance

So wurde mir klar: Es geht nicht darum, die richtige Zahl der Küsschen zu kennen,
sondern die feinen Nuancen zu spüren – wann eine Geste angebracht ist, wann ein Lächeln genügt.
Die Franzosen scheinen darin eine natürliche Leichtigkeit zu haben:
Sie spüren, statt zu regeln. Sie nähern sich, statt zu analysieren.

La bise ist für mich heute eine kleine Lektion im interkulturellen Gleichgewicht –
zwischen Spontaneität und Achtsamkeit, zwischen Vertrautheit und Respekt.
Vielleicht ist genau das ihr Zauber: dass sie uns daran erinnert, Nähe nicht zu planen, sondern entstehen zu lassen.

💭
Gedanke zum Mitnehmen
La bise erinnert mich daran, dass Balance nicht nur beim Essen wichtig ist.
Auch in Begegnungen geht es darum, das richtige Maß zu finden – zwischen Nähe und Respekt, zwischen Vertrautheit und Distanz.
Vielleicht ist das französische Geheimnis genau das: das Leben so zu gestalten, dass Arbeit, Genuss und Beziehungen im Einklang stehen.

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