Châteauvillain 1997 – eine Woche, die alles veränderte

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🔑Diese Geschichte markiert den Anfang meiner interkulturellen Reise.

Mein erster Schüleraustausch nach Frankreich war alles andere als das, was ich erwartet hatte –
doch genau diese Erfahrung legte den Grundstein für das, was ich heute weitergebe:
den Mut, auch in schwierigen Momenten offen zu bleiben und darin zu wachsen.

Die erste Reise nach Frankreich – Vorfreude und Erwartungen

Mein Schüleraustausch nach Châteauvillain im Jahr 1997 war meine erste Reise nach Frankreich – eine Woche voller Aufregung und Vorfreude auf das Land, dessen Sprache ich so sehr liebte.
Französisch war mein Lieblingsfach, und nach zweieinhalb Jahren Unterricht sprach ich bereits erstaunlich flüssig. Der Austausch schien die perfekte Gelegenheit, meine Sprachkenntnisse im echten Leben anzuwenden – Croissants zum Frühstück, Gespräche über Kultur, französische Musik im Hintergrund.
Doch manchmal zeigt das Leben uns eine andere Seite eines Landes – eine, die man in keinem Schulbuch findet. Was als Traum begann, wurde zu einer Erfahrung, die meine Vorstellung von Frankreich grundlegend veränderte.

Die unerwartete Begegnung mit meiner Gastfamilie

Wir fuhren mit dem Bus in den kleinen Ort Châteauvillain in der Region Champagne. Überall Umarmungen, Lachen, Wiedersehen – nur ich blieb stehen. Abseits warteten eine Frau und ein Mädchen; beide wirkten müde, ungepflegt, irgendwie verloren. Als mir klar wurde, dass sie auf mich warteten, rutschte mir das Herz in die Knie.
Ich redete mir ein, dass alles gut werden würde. Immerhin konnte ich jetzt mein Französisch erproben. Also sprach ich, fragte, erzählte – doch meine Worte verpufften. Kein Lächeln, kein Echo, kein Gespräch.

Ein erschreckender Einblick in das Leben meiner Gastfamilie

Vor dem Haus wich der Rest Optimismus einem neuen Schock: verwitterte Fassade, bröckelnder Putz, geschlossene Läden. Innen setzte sich der Eindruck fort. Der Bruder fuhr mit dem Fahrrad durch die Küche; Schmutz, Essensreste, beißender Geruch. Als ich vorsichtig darauf hinwies, wurde der Besen genommen – und das Problem in die Ecke gekehrt.
Beim Essen saßen wir schweigend beisammen. Trockenes Brot, lauwarmer Tee – und die Frage, wie groß die Kluft sein kann zwischen der Vorstellung eines Landes und der Realität, die man antrifft. Alles, was ich über Frankreich gelernt hatte, passte in diesem Moment nicht – und doch ahnte ich, dass genau hier mein eigentliches Lernen begann.

Die bedrückende Atmosphäre und das unangenehme Geheimnis

Auch die Nächte brachten keine Ruhe: Die Katze schlief in meinem Bett, kratzte, niemand reagierte auf meine Bitte, sie hinauszulassen. Meine Austauschpartnerin war freundlich, aber verschlossen; über allem lag eine Schwere, die ich nicht greifen konnte.
Eines Abends betrat der Vater das Zimmer, legte sich zu seiner Tochter ins Bett und blieb. Ich war irritiert, spürte, dass etwas nicht stimmte. Wenige Tage vor meiner Abreise wurde der Vater verhaftet – wegen des Verdachts auf Missbrauch. Plötzlich ergab alles einen schmerzhaften Sinn. Ich verstand, dass ich Zeugin einer Realität geworden war, die weit über kulturelle Unterschiede hinausging.

Trotz der schwierigen Umstände nahm ich eine Erkenntnis mit, die mich bis heute trägt: Mein Schulfranzösisch reichte, um mich fließend zu verständigen – sogar, als mir innerlich die Worte fehlten.
Ich hätte mir eine andere, leichtere erste Erfahrung gewünscht. Doch sie zeigte mir, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu bleiben und die Sprache als Brücke zu nutzen. Solche Erlebnisse erweitern unseren Blick für das Menschliche – für Brüche und Widersprüche, die überall existieren. Vielleicht ist genau das der Kern interkulturellen Lernens: das Leben anzunehmen, wie es ist – nicht immer harmonisch, aber voller Möglichkeiten zu wachsen und zu verstehen.

💭
Gedanke zum Mitnehmen
Der Schlüssel zu innerem Gleichgewicht liegt nicht im Vermeiden des Schmerzes,
sondern im Verstehen, was er uns zeigen will.
Erst wer Dunkelheit und Licht kennt, kann Arbeit und Genuss, Mühe und Freude wirklich in Balance bringen.

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