Lost Place als Zuhause

Veröffentlicht in: Kulturschock China | 0

Im Treppenhaus herrschte immer eine bedrückende Dunkelheit. Das kleine Fenster ließ kaum Licht hinein, und die schmutzigen Scheiben machten es noch düsterer. Es roch nach Schweinestall, sah aus wie ein Lost Place – und doch nannten Menschen das hier „Zuhause“.

Lost Place als Zuhause – Wohnrealitäten im Pekinger Hutong

In Deutschland beschweren sich Plattenbau-Mieter über abgeblätterte Farbe, doch hier lernte ich Demut:

Während wir uns über quietschende Aufzüge aufregen, fehlte hier selbst das Geländer.

Wo Hausverwaltungen wegen Graffiti verklagt werden, war hier Schimmel das harmloseste Problem.

Und während bei uns „Sozialwohnung“ schon ein Schimpfwort ist, hätte sich hier jeder Mieter aus Marzahn wie im Hilton gefühlt.

Nach drei Monaten wusste ich: Diese verdammten 78 Betonstufen waren das stabilste an diesem gesamten Gebäude.
In Deutschland hätte man das Haus wahrscheinlich längst abgerissen.
Hier lebten Menschen – Familien, Kinder, Nachbarn. Und sie machten aus diesen Umständen dennoch ein Zuhause.

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Gedanke zum Mitnehmen
Perspektive entsteht nicht durch das, was wir sehen,
sondern durch das, womit wir es vergleichen.
Manche Orte lehren uns mehr über Privilegien
als jede Statistik.

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