Während meines Austauschsemesters an der Universität in Aberdeen, South Dakota, begegnete ich einer Frau, die mich sofort neugierig machte: eine Österreicherin, die neben ihrer Arbeit an der Uni etwas tat, das ich so nie erwartet hätte – sie unterrichtete Hochdeutsch in einer nahegelegenen Hutterer-Kolonie.
Als ich sie fragte, warum die Hutterer Deutschunterricht brauchten, schmunzelte sie.
„Sie sprechen Hutterisch. Aber ihre Bibel spricht Hochdeutsch.“
Erst da verstand ich die Besonderheit:
Im Alltag sprechen die Hutterer einen jahrhundertealten alemannischen Dialekt – aber ihre religiösen Texte sind in Luther-Deutsch verfasst.
Ihre Aufgabe war es, diese sprachliche Brücke zu erhalten, damit die Hutterer weiterhin verstehen können, was sie singen, beten und weitergeben.

Im Unterricht herrschte eine stille Konzentration, die mich sofort beeindruckte. Alle hörten aufmerksam zu, als die Lehrerin das Hochdeutsche an die Tafel schrieb – eine Sprache, die für sie gleichzeitig vertraut und fremd war. Es wirkte wie ein Moment, in dem verschiedene Welten aufeinandertrafen: eine österreichische Lehrerin, eine nordamerikanische Glaubensgemeinschaft und eine Sprachtradition aus Europa, die heute selbst dort selten geworden ist.
Es gab auch charmante Überraschungen. Sie unterrichtete Standardhochdeutsch, aber mit österreichischem Akzent. Und die Schüler, die in traditioneller Kleidung vor ihr saßen, diskutierten begeistert über europäische Musik. Rammstein kannten sie nicht – Mozart dafür umso besser.
Die Pointe kam, als ich sie fragte, ob sie selbst Hutterisch lernen wolle. Sie lachte und sagte: „Nein – die wollen ja weg vom Dialekt!“ Eine wunderbare Umkehr jener Diskussionen, die wir in Europa oft führen, wenn es darum geht, Dialekte zu bewahren.
So wurde mir klar, dass Sprache mehr ist als ein Mittel zur Kommunikation. Für die Hutterer ist sie ein Teil ihrer Identität – und manchmal braucht es jemanden von außen, um diese Identität weiterzugeben.
Gedanke zum Mitnehmen: Sprachen wandern. Und manchmal leben sie nicht dort weiter, wo sie entstanden sind, sondern dort, wo Menschen bereit sind, sie zu bewahren.
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Gedanke zum Mitnehmen
Sprachen wandern. Und manchmal leben sie nicht dort weiter, wo sie entstanden sind – sondern dort, wo Menschen bereit sind, sie zu bewahren.





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