Ein Zimmer in Jerde Hall
Von Januar bis Mai 2004 verbrachte ich mein Auslandssemester an der Northern State University in Aberdeen, South Dakota. Zusammen mit meiner Studienfreundin Manja bezog ich ein Zimmer in Jerde Hall – einem Studentenwohnheim, das auf den ersten Blick völlig unspektakulär wirkte.
Meine Zimmergenossin war Sopha, eine georgische Studentin mit klarem Blick und einem wunderbar schnellen Humor. Wir verstanden uns vom ersten Moment an, redeten ununterbrochen, lachten viel und wurden sehr schnell zu engen Freundinnen – eine Verbindung, die auch danach blieb.
Doch genau in dieser Zeit begannen sich merkwürdige Dinge zu ereignen.

Die ersten seltsamen Vorfälle
Eines Abends kam ich allein aus dem Computerraum zurück. Als ich die Tür öffnete, blieb mein Blick sofort an einem Detail hängen: Mein Kaffeebecher lag auf dem Boden – kopfüber. Nicht einfach umgefallen, sondern sauber und exakt umgedreht. Die Position wirkte zu gezielt, um ein Zufall zu sein. Als Sopha später zurückkam, fragte ich sie danach, doch sie schüttelte nur den Kopf. Auch unsere Freundin Jackie, die für jeden Spaß zu haben war, hätte so etwas niemals geheim gehalten.
Ein paar Tage später geschah es erneut. Diesmal lag meine Trompete auf dem Boden, wieder kopfüber. Kein Wind, keine offene Tür, nichts im Raum, das eine solche Position erklären konnte. Es fühlte sich nicht an wie ein Streich. Eher wie eine stille Nachricht, ohne Worte, aber mit Absicht.

Die Rückkehr nach Spring Break – der Stuhl auf dem Bett
In den Semesterferien unternahmen wir mit einer Gruppe internationaler Studierender einen Roadtrip nach Mount Rushmore. Während dieser Woche waren die Wohnheime geschlossen; niemand durfte im Gebäude bleiben. Das gesamte Campusleben lag für kurze Zeit still.
Bevor ich abreiste, machte ich Fotos von unserem Zimmer. Und anders als sonst hatte ich diesmal einen sehr klaren Grund. Nach den ersten Vorfällen war ich mir ziemlich sicher, dass dort etwas wirkte, das ich nicht erklären konnte. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass nach unserer Rückkehr etwas passiert sein würde. Also fotografierte ich alles ganz bewusst – fast wie eine Bestandsaufnahme, bevor sich erneut etwas verändern konnte.
Als wir zurückkamen, standen wir vor unserer Tür in Jerde Hall. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, atmete kurz durch und öffnete langsam.

Stille Beweise einer anderen Wirklichkeit
Als ich die Tür öffnete, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Raum sah auf den ersten Blick unverändert aus, doch ein Detail sprang mich förmlich an: Der Stuhl, der sonst am Schreibtisch stand, befand sich oben auf meinem Bett. Nicht irgendwie abgestellt, sondern sauber und stabil platziert – so, dass es eindeutig eine bewusste Handlung gewesen sein musste.
Für einen Moment blieb mir wirklich die Luft weg. Einerseits war da dieses leise „Ich habe es geahnt“, dieses innere Wissen, das mich vor der Abreise dazu gebracht hatte, alles zu fotografieren. Gleichzeitig traf mich der Anblick härter, als ich erwartet hatte. Ein Stuhl ist kein kleiner Gegenstand. Die Vorstellung, dass sich etwas Unsichtbares so bewegen konnte, ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.
Erst danach ging ich direkt zum Wachdienst, der im Eingangsbereich saß und rund um die Uhr darauf achtete, wer das Gebäude betrat oder verließ. Er bestätigte mir ohne zu zögern, dass während der gesamten Spring Break niemand in Jerde Hall gewesen war und garantiert niemand unser Zimmer betreten hatte.
Als ich zurück ins Zimmer ging, wirkte die Luft dichter, fast aufgeladen. Ich stand dort, sah auf den Stuhl auf meinem Bett und wusste, dass ich hier etwas erlebt hatte, das sich nicht einfach wegerklären ließ.

Die kalte Präsenz – Begegung mit dem Unsichtbaren
Der seltsamste Vorfall geschah einige Wochen später. Sopha telefonierte wie so oft stundenlang mit ihrem Freund in Georgien. Ihre Stimme füllte den Raum – warm, lebendig, vertraut. Ich lag auf meinem Bett, hörte ihr halb zu und war gedanklich ganz woanders.
Und dann geschah es.
Ohne Vorwarnung strich etwas Kaltes über mein Gesicht. Nicht wie ein Luftzug, nicht wie ein Hauch, sondern wie eine Berührung – klar, spürbar, eiskalt. Für einen Moment blieb ich völlig reglos liegen. Ich wusste sofort, dass das nicht in die üblichen Kategorien passte. Fenster geschlossen. Türen zu. Kein Spalt, keine Bewegung im Raum, außer Sopha auf ihrem Bett.
Sie redete weiter, völlig unberührt von dem, was ich gerade erlebt hatte. Ich fühlte mich in diesem Moment merkwürdig allein – nicht, weil ich niemanden hatte, dem ich es erzählen konnte, sondern weil das Erlebnis so real war, dass jede rationale Erklärung hohl geklungen hätte.
Als ich es Sopha später erzählte, winkte sie ab und meinte, ich hätte mir das eingebildet. Vielleicht war genau das das Verstörendste: dass zwei Menschen im selben Zimmer sitzen können – der eine in einem ganz normalen Moment, der andere in einer Realität, die plötzlich eine andere ist.

Der Tote von Zimmer X – Was die anderen wussten
Einige Zeit später blätterte ich in einer Zeitschrift über das Campusleben, als mein Blick an einem Artikel hängen blieb. Darin wurde von einem tragischen Unfall berichtet: Ein Student war einige Jahre zuvor in Jerde Hall ums Leben gekommen – in genau dem Zimmer, das ich in diesem Semester bewohnte.
Weil die Zimmer auf dem Campus jedes Jahr neu verteilt werden und Mädchen- und Jungseinheiten immer wieder wechseln, war es völlig normal, dass mein heutiges Mädchenzimmer früher von einem männlichen Studenten bewohnt worden war. Und doch traf mich dieser Gedanke mit voller Wucht.
Als ich amerikanische Studierende darauf ansprach, nickten mehrere nur. Manche erzählten sogar, dass es schon länger Gerüchte gäbe, Jerde Hall sei „haunted“. Niemand behauptete es mit Sicherheit – aber niemand schloss es aus. Und plötzlich ergaben viele der rätselhaften Momente, die ich erlebt hatte, einen Zusammenhang, den ich vorher nicht hatte sehen wollen.
Ich suchte nicht mehr nach einer Erklärung. Manche Dinge lassen sich nicht logisch auflösen. Und manchmal ist es genau dieses Unerklärliche, das sich unauslöschlich in unser Leben einschreibt.

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Gedanke zum Mitnehmen
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht erklären können. Und nur weil wir sie nicht sehen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren.






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