Es war ein Herbsttag, irgendwann im Oktober.
Eine Klassenarbeit lag hinter uns – textlastig, anspruchsvoll, zum Thema Identity. Ein Thema, das wir lange und intensiv behandelt hatten. Es gab eine Probeklassenarbeit, ähnliche Aufgabenformate, Wortübungen. Eigentlich gute Voraussetzungen.
Die Ergebnisse waren trotzdem ernüchternd.
Viele schlechte Noten, nur zwei Zweien. Eine davon erwartbar. Die andere überraschend – geschrieben von einer Schülerin, die sonst eher zu den stillen, vermeintlich schwächeren gehört.
Bei der Auswertung der Arbeit wollte ich nicht sofort über Fehler, Punkte und Erwartungen sprechen. Stattdessen bat ich die Klasse, die Augen zu schließen. Ich hielt jeder Schülerin und jedem Schüler eine Scheibe Zitrone unter die Nase. Der Geruch wurde von vielen als angenehm beschrieben. Einige bissen hinein. Die Reaktionen waren eindeutig: verzogene Gesichter, zusammengezogene Münder – sauer.
Was kaum jemand bemerkte: Auf dem Tisch stand ganz selbstverständlich eine kleine Schale mit Zucker, gut sichtbar, in Reichweite.
Und während die meisten tapfer die Zitrone ertrugen oder sie schnell wieder beiseitelegten, passierte etwas Unscheinbares. Die Schülerin, die mich mit ihrer Zwei überrascht hatte, tauchte ihre Zitronenscheibe in den Zucker. Ganz ruhig. Ganz selbstverständlich. Sie aß sie – und man sah ihr an, dass sie den Geschmack genoss.
Sie war die Einzige.
In diesem Moment wurde mir etwas sehr klar.
Die Aufgabe war für alle gleich gewesen. Die Voraussetzungen vielleicht nicht. Aber die Mittel waren da. Und jemand hatte sie genutzt.
Diese Szene hat sich mir eingeprägt. Nicht, weil es um eine Methode ging oder um ein Experiment. Sondern weil sie gezeigt hat, wie unterschiedlich Menschen mit Herausforderungen umgehen. Manche beißen sich durch. Manche verziehen das Gesicht. Und manche schauen sich um, erkennen Möglichkeiten – und greifen zu dem, was hilft.
Seitdem denke ich oft an diese Zitrone.
Und daran, wie viel mehr Lernen mit Haltung, Strategie und innerer Beweglichkeit zu tun hat, als mit dem Bild, das wir uns manchmal von „stark“ oder „schwach“ machen.
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